Comphet – eine systemische Betrachtung
Comphet – eine systemische Betrachtung
Comphet ist die Kurzform des englischen Begriffs Compulsory Heterosexuality („Zwangsheterosexualität“). Das Konzept wurde insbesondere durch die US-amerikanische Feministin und Schriftstellerin Adrienne Rich bekannt, die 1980 ihren Essay Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence veröffentlichte.
Compulsory Heterosexuality beschreibt die Annahme, dass Heterosexualität nicht ausschließlich eine individuelle oder natürliche Gegebenheit ist, sondern gesellschaftlich als Norm vorausgesetzt, gefördert und teilweise durch soziale Mechanismen aufrechterhalten wird. Dazu gehören unter anderem Geschlechterrollen, gesellschaftliche Erwartungen und die Unsichtbarkeit nicht-heterosexueller Lebensweisen.
Bereits in jungen Jahren lernen viele Mädchen*, welches Verhalten als sozial erwünscht gilt. In einer männerzentrierten und patriarchal geprägten Gesellschaft entwickeln sie häufig die Vorstellung, dass es wichtig sei, von Jungen beziehungsweise Männern attraktiv gefunden zu werden. Heterosexualität erscheint dabei oftmals als selbstverständlicher und vorgezeichneter Lebensweg. Gleichzeitig fehlen (oder gerade vielleicht eher „fehlten“, da Social Media zurzeit viel Sichtbarkeit ermöglicht) vielen jungen Menschen lesbische Vorbilder, die alternative Lebensentwürfe sichtbar machen könnten.
Für zahlreiche lesbische Frauen* kann dies dazu führen, dass sie ihre sexuelle Orientierung erst spät erkennen und / oder benennen. Nach Angaben verschiedener Studien erfolgt das Coming-out vieler LSBTIQ*-Personen erst im jungen Erwachsenenalter oder später. Dem äußeren Coming-out geht häufig ein längerer Prozess des inneren Coming-out voraus, in dem die eigene sexuelle Identität erkannt,reflektiert und verstanden, aber noch nicht geteilt wird.
Betrachtet man lebensgeschichtliche Entwicklungsaufgaben, haben viele Menschen zu diesem Zeitpunkt bereits erste romantische oder sexuelle Erfahrungen gemacht. Nicht selten wurden diese im Rahmen heterosexueller Verbindungen erlebt. In der systemischen Therapie begegnen uns daher Frauen*, die sich erst nach dem 20. Lebensjahr als lesbisch geoutet haben und nun mit erheblichen Selbstzweifeln konfrontiert sind. Sie fragen sich, ob sie „lesbisch genug“ seien, ob ihr Umfeld ihre sexuelle Orientierung ernst nehme oder ob ihre Identität legitim sei.
Einige mir bekannte Lesben berichten, dass sie ihre sexuelle Orientierung bereits früher wahrgenommen hatten, dennoch wiederholt versuchten, Beziehungen mit Männern einzugehen. Häufig geschah dies, weil sie glaubten, dies sei der von Familie oder Gesellschaft erwartete Lebensweg. Das Bedürfnis, von Männern begehrt zu werden, kann dabei weniger Ausdruck tatsächlicher sexueller Anziehung als vielmehr Ergebnis gesellschaftlicher Sozialisation sein. Die nicht selten zu Selbstzweifeln oder Schulgefühlen führt.
Wenn lesbische Frauen* therapeutische Unterstützung suchen, gehen sie oftmals zunächst davon aus, dass ihre Unsicherheit oder ihr mangelndes Selbstwertgefühl ein individuelles Problem sei. Aus systemischer Perspektive greift diese Sichtweise jedoch zu kurz.
Therapie findet nicht außerhalb gesellschaftlicher Bedingungen statt. Besonders die systemische Therapie berücksichtigt immer auch die größeren Systeme, in denen Menschen leben. Zweifel an der eigenen sexuellen Identität, Selbstwertprobleme oder das Gefühl, nicht „lesbisch genug“ zu sein, lassen sich daher nicht ausschließlich individuell verstehen, sondern auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Erwartungen und des Konzepts der Compulsory Heterosexuality betrachten.
Systemisch-zirkulär betrachtet könnte folgender Prozess entstehen:
Die gesellschaftliche Botschaft, Heterosexualität sei die gewünschte oder einzig „normale“ oder gar natürliche Lebensweise, führt dazu, dass junge Frauen* ihre eigene Heterosexualität möglicherweise als selbstverständlich oder sogar alternativlos erleben. Dadurch entsteht häufig der Druck, sich so zu verhalten, dass Jungs/Männer sie attraktiv finden. Gleichzeitig können Gefühle von Unauthentizität oder Irritation entstehen, wenn diese Rolle nicht als stimmig erlebt wird.
Kommt es später zu der Erkenntnis, lesbisch zu sein, entstehen häufig starke Selbstzweifel. Die eigene Wahrnehmung steht scheinbar im Widerspruch zu gesellschaftlichen Erwartungen und dem erlernten Verhalten. Viele Frauen* erleben dadurch Verunsicherung in ihrer Identität, die eng mit ihrer sexuellen Orientierung verbunden ist.
Nicht selten wird versucht, erneut romantische oder sexuelle Beziehungen mit Männern einzugehen, um die eigene Wahrnehmung infrage zu stellen oder gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Auch wenn dies nicht geschieht, berichten viele lesbische Frauen* davon, weiterhin nach männlicher Bestätigung zu suchen oder ihr Selbstwertgefühl teilweise von männlicher Aufmerksamkeit abhängig zu machen. Manche verhalten oder zeigen sich zeitweise weiterhin heterosexuell konform und erleben dabei Schuldgefühle oder innere Konflikte.
Diese Erfahrungen verstärken wiederum die Unsicherheit bezüglich des eigenen „Lesbischseins“ und können zu der Frage führen, ob die eigene Identität überhaupt legitim sei. Zusätzlich erleben viele Frauen* Unverständnis oder die Infragestellung ihrer sexuellen Orientierung durch ihr Umfeld, etwa mit Aussagen wie: „Aber du warst doch früher in einen Mann verliebt.“ Auch solche Reaktionen können bestehende Zweifel verstärken.
Gleichzeitig können positive Reaktionen auf das Coming-out, unterstützende Beziehungen und die Entwicklung einer stabilen lesbischen Identität zu einem Gefühl von Freiheit führen. Viele Frauen* berichten, dass sie sich dadurch von dem Druck lösen können, gesellschaftliche Erwartungen erfüllen oder für Männer attraktiv sein zu müssen.
Sexualität ist etwas Dynamisches und Fließendes verstanden werden. Manche Menschen erleben ihre sexuelle Orientierung über lange Zeit als heterosexuell und identifizieren sich später als lesbisch. Andere berichten, bereits früh gewusst zu haben, dass sie lesbisch sind. Die individuellen Lebensgeschichten sind vielfältig und sollten in ihrer jeweiligen Komplexität betrachtet werden.
Frauen*, die unter den Bedingungen von Compulsory Heterosexuality aufgewachsen sind, beschäftigen häufig Fragen wie:
Wie kann ich authentisch leben und mich authentisch zeigen?
Inwieweit ist ein Coming-out in meinem Lebenskontext möglich?
Wie kann ich mich von bisherigen Erwartungen an mein Leben lösen?
Wie stelle ich mir mein zukünftiges Leben vor?
Welche Vorbilder habe ich für alternative Lebensentwürfe?
Gibt es Menschen oder Gemeinschaften, mit denen ich mich austauschen kann und wie erlebe ich diese Zugehörigkeit und Community?
Wie gehe ich möglicherweise mit dem Verlust bestimmter Privilegien um?
Die systemische Therapie sollte mit Frauen*, die Erfahrungen im Kontext von Compulsory Heterosexuality gemacht haben, ressourcenorientiert, wertschätzend und achtsam arbeiten.
Da lesbische Frauen* sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch ihrer sexuellen Orientierung Diskriminierungserfahrungen machen können, ist eine besondere Sensibilität im therapeutischen Kontext wichtig. Therapeut*innen sollten Machtunterschiede reflektieren und die Gleichwertigkeit der therapeutischen Beziehung in den Mittelpunkt stellen. (Deutsches Ärzteblatt 2005; 102: PP 506–508 [Heft 11])
Sinnvolle therapeutische Schwerpunkte können sein:
Biografiearbeit und die Reflexion der eigenen Lebensgeschichte
Die Entwicklung einer persönlichen Definition der eigenen sexuellen Identität
Wertschätzung bisheriger Bewältigungsstrategien
Die Auseinandersetzung mit familiären Erwartungen und Akzeptanzprozessen
Die Stärkung von Selbstwert und Selbstakzeptanz
Die Förderung eines positiven Bezugs zur eigenen lesbischen Identität
Die Unterstützung beim Aufbau sozialer Netzwerke und Community-Erfahrungen
Aus systemischer Sicht kann die Betrachtung von Compulsory Heterosexuality dazu beitragen, individuelle Erfahrungen in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen. Dadurch werden Selbstzweifel und Identitätskonflikte nicht ausschließlich als persönliche Schwierigkeiten verstanden, sondern auch als mögliche Reaktionen auf gesellschaftliche Normen und Erwartungen. Lesbisch leben ist eine Art Entscheidung gegen die patriarchale männerzentrierte Lebensweise (ich empfehle hier das Buch „Lesbisch werden in 10 Schritten“) und braucht eine ressourcenorientierte und achtsame Begleitung durch die Therapieausübende Person.